Der gute Vorsatz
Das Problem mit den guten Vorsätzen - oder was wirklich funktioniert
Es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, habe heute schon zwei lange, gemütliche Teerunden hinter mir, nebenan hängen mein Mann und meine Tochter im Wohnzimmer herum und mein Sohn ist ins Gym geflohen.
Gerade habe ich ein paar Runden MET geklopft, in denen es um Emotionen ging wie z.B. „Obwohl ich komplett davon genervt bin, dass hier alle nur abhängen, …“ – Alle Menschen mit Familie, werden genau wissen, was ich gerade fühle, und alle ohne Familie ärgern sich jetzt gewiss über mich, weil ich mich über mein Familienleben beklage, und ich fühle mich tatsächlich auch ein wenig undankbar.
Mein Therapeuten-Ich steht mit schlauem Gesichtsausdruck neben mir und hält mir einen Vortrag darüber, dass ich meine innere Unzufriedenheit auf meine Familie projiziere, und dass es meine eigene Schuld ist, wenn ich nicht das tue, was ich möchte, nur weil meine Familie hier den ganzen Tag herumhockt. Es schlägt mir noch vor, eine Liste zu erstellen, mit dem, was ich gerne mache, und dann einfach jeden Tag die Punkte abzuhaken… Wenn es so einfach wäre!
Jedes Jahr treffen Millionen von Menschen gute Vorsätze für das neue Jahr, sind motiviert, etwas in ihrem Leben zu ändern, arbeiten in den ersten zwei Januarwochen diszipliniert ihre To-Do-Listen ab, und dann fallen sie nach und nach in ihren alten Trott zurück und fühlen sich schlechter als zuvor.
Aber warum passiert uns das eigentlich immer und immer wieder? Sind wir wirklich alle so willensschwach? Strengen wir uns nicht genug an? Warum können wir nicht einfach unsere guten Vorsätze durchziehen? Schließlich treffen wir sie, weil uns eine Veränderung irgendwie schon wichtig ist.
Die Erklärung, warum uns das immer wieder passiert, ist so einfach wie banal: Unser tägliches Leben läuft zu ca. 95% auf Autopilot ab. Sobald wir ein Muster antrainiert haben, hat unser Unterbewusstsein überhaupt kein Interesse mehr daran, es wieder loszulassen. Verhaltens- und Handlungsmuster schützen uns vor Überforderung. Außerdem sind viele dieser Muster mit sehr guten Gefühlen verbunden: die erste Zigarette mit einer Tasse Kaffee am Morgen, die Tafel Schokolade, mit der wir uns belohnen, trösten und beruhigen, das Glas Wein, mit dem wir den Bürostress abschalten, der Serienmarathon am Abend, bei dem wir uns endlich mal entspannen können… Warum, um alles in der Welt, sollte unser Unterbewusstsein diese Gewohnheiten aufgeben, wo sie uns doch dabei helfen, uns besser zu fühlen?
Oder wenn wir uns mal meine Ausgangssituation genauer betrachten, die mich zu diesem Artikel inspiriert hat: Meine Mutter war schon immer von den Ferien genervt, wenn alle zu Hause gesessen haben, sich entspannt haben und nur sie die ganze Arbeit erledigen musste. Möglicherweise habe ich diese Gewohnheit, sich schlecht und ausgenutzt zu fühlen schon unbewusst übernommen. Während der Corona-Zeit haben mein Mann und ich uns angewöhnt, stundenlang zusammen Tee zu trinken. Inzwischen nervt es mich oft, wenn ich meine kostbare Zeit damit verplempere, am Tisch zu sitzen und Tee zu trinken, und ich würde stattdessen auch gerne etwas Produktiveres tun. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich in der Vergangenheit versucht habe, aus diesem Muster auszubrechen. Es klappt immer nur für ein paar Tage. Dieses Ritual, das wir entwickelt haben, schenkt uns gemeinsame Zeit und Nähe aber auch die Möglichkeit, all das, was wir eigentlich tun sollten, zu prokrastinieren. So kann man dann wohl auch die Tatsache, dass ich von der permanenten Anwesenheit meiner Lieben genervt bin, damit erklären, dass es mich von meinem „gewohnten Leben“ abhält. Menschen lieben ihre kleinen und großen Gewohnheiten, egal ob sie „gut“ oder „schlecht“ sind.
Sollen wir also aufgeben und uns unserem Schicksal fügen, da jeder Versuch auszubrechen ja eh sinnlos ist? Habe ich hierfür nicht gerade die perfekte Ausrede geliefert?
Die Antwort hierauf lautet ganz klar „NEIN!“
Was wir brauchen, ist eine bessere Strategie, als nur unser Verhalten ändern zu wollen. Willenskraft verliert immer den Kampf gegen Gefühle und Bequemlichkeit. Natürlich gibt es diese Mitmenschen mit einer geradezu überirdischen Willenskraft: Sie mutieren von Jabba the Hut aus Star Wars zu Mr. oder Mrs. Universe und werden von uns wie Nationalhelden gefeiert. Doch dann, eines Tages, geschieht in ihrem Leben etwas, was sie aus der Bahn wirft, und ihr Unterbewusstsein unternimmt den verzweifelten Versuch, sie zu retten und aufzufangen und kramt zu diesem Zwecke wieder das Schokoladen-Torten-Trostmuster hervor.
Der Schlüssel zu wahrhaftiger und dauerhafter Veränderung liegt darin, seine INNERE HALTUNG zu verändern. All unsere Verhaltensweisen spiegeln unsere innere Haltung wider: Jemand, der seinen Körper als Tempel seiner Seele verehrt, würde ihn niemals mit Alkohol, Zucker, Nikotin oder Drogen vergiften. Ein Vegetarier, der Tiere liebt, käme niemals auf die Idee, seine tierischen Freunde zu essen.
Statt also im neuen Jahr, wieder nur Verhaltensweisen zu ändern, fragen wir uns besser: „Wer möchte ich ab jetzt sein?“
Nehmen wir doch mal das Diäten-/Abnehm-Beispiel:
Wenn es dein Ziel ist, Gewicht zu verlieren und dauerhaft schlank zu bleiben, besteht deine einzige Chance darin, das Mindset einer schlanken Person anzunehmen. Notiere dir, alles, was dir dazu einfällt, wie du als deine schlanke Version leben willst: vielleicht achtest du darauf, nährstoffreich und kleinere Portionen zu essen, Freude an Bewegung zu haben, dich wohl in deinem Körper zu fühlen, neue und gesündere Alternativen zu alten, ungesunden Lieblingslebensmitteln zu finden, die Verantwortung für das Wohlergehen deines Körpers zu übernehmen, etc.
Wenn du dieses Bild für dich entworfen hast, fängst du in kleinen Schritten an, dich in diese Richtung zu entwickeln. Starte mit der Veränderung, die dir am leichtesten fällt, gestatte dir, auch mal zu straucheln oder zu fallen, aber behalte die eingeschlagene Richtung bei.
Wenn wir diesen Weg einer neuen inneren Haltung einschlagen, ändern sich unsere Verhaltensweisen ganz nebenbei und unsere Ziele sind nicht mehr unerreichbar, sondern eine logische Konsequenz.
Ich wünsche dir alles Liebe und Gute sowie viel Erfolg bei all deinen Projekten.
Strahle in deinem hellsten Licht!